Eindrücke der (Post)Revolution (vom 30.03.2014)

Den gestrigen Tag empfand ich als sehr positiv aufgrund einigen Gesprächen. Die Inhalte versuche ich jetzt einigermaßen festzuhalten. Einerseits waren es sehr viele Gespräche (von 14-23 Uhr bespricht sich einfach einiges), die in 4 Sprachen (deutsch, englisch, russisch und ukrainisch) stattfanden.

Angefangen hatte es mit dem Treffen für Interviews am Weihnachtsbaum auf dem Maidan. Tatsächlich nahm ich den Trauertag (40. Tag nach den tödlichen Schüssen) gar nicht so richtig wahr, obwohl mir Personen auffielen, die weinend auf dem Unabhängigkeitsplatz waren. Die Leute, mit denen ich mich traf, hatten aber gute Laune und, wohl mit bedingt durch das frühlingshafte Wetter, steckten voller Energie.

Wir waren zu viert und kennen uns über Facebook, aber ich mag nicht sagen, wer es konkret war. Nur soviel: eine junge Dame aus Dnepropetrowsk, die einige Zeit in England lebte und erst kürzlich in die Ukraine zurück kam; ein junger Mann, ursprünglich aus Saporoschje, der schon lange in Kiew lebt; und eine weitere junge Dame, die den Maidan von Anfang an (also noch Ende November) mitmachte.

Wir waren uns eigentlich einig, dass es bei der Revolution gar nicht um die EU ging, sondern um Werte, die man zwar mit Europa verbindet, aber doch weit universeller sieht (Stichwort: „Revolution der Würde“). Prinzipiell ging es uns darum, dass wir dies durch Interviews untermauern und der Ukraine so eine Stimme verleihen wollen, wie es in den Medien nicht vermittelt wird.

Das „Sprachenproblem“ ist dabei ein künstliches Problem, weshalb wir es eigentlich nur anschnitten. Uns war bewusst, dass die EU mindestens genauso Probleme hat und die Ukraine erst einmal ihre eigenen Dinge regeln soll. Eine EU-Annäherung (Assoziierung) mag dabei behilflich sein, doch mehr auch nicht.

Interessant war auch die Aussage, dass sich auch die Menschen im Osten als Ukrainer verstehen und es eher die ältere Generation ist, welche eine gewisse „Sehnsucht“ zurück zur Sowjetunion hat.

Nach diesem Treffen war ein Spaziergang über den Maidan angesagt und zu zweit hielten wir Ausschau nach einem „geeigneten Interviewpartner“. Wir sprachen eine ältere Dame an, die mit ihrer erwachsenen Tochter unterwegs war.

Das erwies sich als Glückstreffer, denn die beiden waren seit Beginn der Revolution dabei und erzählten nach dem Interview Geschichten, die sie in der Gruschewskogo erlebt hatten. Die Art und Weise war dabei mindestens so wichtig wie der Inhalt. Voller Optimismus, ohne sich als heroische Helden darzustellen und doch mit einem gewissen Stolz. Es war meine erste Begegnung mit Personen, die in einer der heißesten Phasen der Revolution Butterbrote verteilten, Benzin für Molotow-Cocktails zum Maidan brachten und in der Küche mithalfen. Das sind Menschen, wie Du und ich!

Abends dann war ich seit Jahren wieder beim „Deutschen Stammtisch“, den ich vor langer Zeit jeden Sonntag selbst organisierte und regelmäßig besuchte. Ich ging aufgrund einer Einladung hin, um einen alten Bekannten wieder zu sehen, den ich anderweitig nicht getroffen hätte. Dort sollte ich wohl in Zukunft wieder öfters vorbei schauen…

Da ein paar Aktivisten und Beobachter anwesend waren, lief der Austausch auf sehr hohem Niveau. Wir waren uns eigentlich einig, dass sich das Putin’sche Russland keinen Gefallen tun würde, wenn es seinen „Landsleuten“ in der Ukraine aus fadenscheinigen Gründen zur Hilfe eilt. Ein Einmarsch in der Ostukraine würde Putin das Genick brechen, sobald die ersten Bilder von Särgen in der Russischen Föderation auftauchten.

Insgesamt ist die Stimmung weit positiver und hoffnungsvoller als sich es mancher bei Facebook durch die vielen Artikel vorzustellen vermag. Die Ukraine befindet sich im Aufbruch und wer das außerhalb des Landes begreifen will, ist herzlich eingeladen, doch erst einmal in die Ukraine zu kommen, um sein Bild zu verifizieren. Auch in Russland, so ging es aus den abendlichen Gesprächen hervor, ist die Stimmung unter der „Intelligenzia“ nicht gerade geneigt, diese Putin’sche Politik mitzutragen. Es rumort.

All das stimmt mich persönlich (wieder) optimistischer. Und das Schreckgespenst IWF-/EU-/US-Kredite, was zu einem „griechischen Szenario“ führen würde, ist in einem Land, das sowieso schon ziemlich am Boden lag, doch etwas anderes als in Griechenland. Zudem sind die Ukrainer bereit, Opfer zu bringen, wenn es denn nur besser wird (und werden kann).

Den Ukrainern geht und ging es vorrangig um einen internen Wechsel und nicht um internationale geostrategische Spielchen. Und der Maidan lebt weiter und wird wohl auch nie vergessen. Der Blutzoll war einfach zu hoch, dass sich Politiker es hier wirklich leisten können, das Land und die Leute zu betrügen. Das ist eben auch der Unterschied zu den friedlichen, aber eben „kostenlosen“ Revolten.

Mir ist bekannt, dass ich mit diesen Worten und Gedanken kaum einen der Kritiker und Mahner beschwichtigen kann. Das will ich eigentlich auch gar nicht. Ich gebe wieder, wie ich es sehe und davon kann mich solange niemand abbringen, ohne selbst vor Ort gewesen zu sein. Deshalb empfehle ich, die Ukrainer mal machen zu lassen – denn das können sie am Besten.