Ralph Boes und die schmutzige Küche einer Wohngemeinschaft

Versetzen wir einmal Ralph gedanklich mit 4 weiteren Personen in eine Wohngemeinschaft. Dort finden regelmäßig Diskussionen in einem Gemeinschaftsraum statt, wie sich auch regelmäßig schmutziges Geschirr in der Küche stapelt. Immer wieder entbrennt die Frage, wer den Abwasch macht.

Gedanke I: Wer nicht arbeitet soll auch nicht essen

Dass es sich um diese WG um eine „soziale Gemeinschaft“ handelt, ergibt sich aus dem von der Politik immer wieder zu hörenden Satz: „Sozial ist, was Arbeit schafft.“ Keiner der Bewohner kann als „unsozial“ gelten, wenn er Geschirr benutzt und dies schmutzig in der Küche abstellt. Die „soziale Frage“ besteht also darin, wer die Arbeit auch tatsächlich erledigt.

In der bundesdeutschen Politik gibt es die Auffassung, dass nur derjenige essen dürfen soll, der sich auch an den Aufgaben der Gemeinschaft beteiligt. Ralph lehnt es nun ab, den Abwasch zu machen, weil er dies als „Verletzung seiner Würde“ sieht. Deshalb nimmt er auch die (unwürdige) Konsequenz in Kauf, tatsächlich nichts mehr zu essen.

Gedanke II: Wer arbeitet, erhält eine Entlohnung

Angenommen, die WG einigt sich darauf, dass jeder 5 Euro im Monat in eine Kasse zahlt, und wer den Abwasch einen Monat lang macht, erhält 25 Euro als Entlohnung.

Ralph lehnt es immer noch ab, den Abwasch zu machen und beschwert sich, dass die Diskussionen im Gemeinschaftsraum schließlich auch „Arbeit“ seien. Daher fordert er, dass jeder 10 Euro im Monat in die Kasse zahlt. Wer den Abwasch macht, erhält 25 Euro dafür, und alle 5 Euro für die Diskussionen.

Gedanke III: Staffelhungern

Da Ralph das Hungern doch nicht so aushält, wie geplant, erklärt sich ein Mitbewohner bereit, den Abwasch einen Monat lang zu übernehmen. Er will  Ralph dafür die Entlohnung geben und selbst hungern.

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Dass die Wirklichkeit weitaus komplexer ist und es Ralph um etwas gänzlich anderes geht, ist mir bewußt; und dennoch zeigen diese Gedanken, wie die Aktion von Ralph bei so manch einem vielleicht ankommt.

Freiheit der Presse

Heute war bei mir auf mehreren Online-Medienangeboten folgend Meldung in der ein oder anderen Variation zu sehen:

Darüber ärgerte ich mich dermaßen, dass ich die jewiligen Verlage anschrieb. Hier der öffentliche Text:

Sehr geehrte Damen und Herren,

Karl Marx meinte: „Die erste Freiheit der Presse ist, kein Gewerbe zu sein“ – und heute bekomme ich permanent von Ihrem Onlineangebot die Aufforderung, meinen Adblocker abzuschalten, da Ihr Medium von Werbeeinnahmen abhängig sei.Ich finde es ein starkes Stück, dass Sie die Einstellungen meines Browsers auslesen, um mich zu einem anderen Verhalten aufzufordern! Offenbar basieren Ihre Werbeeinnahmen nur darauf, wenn jemand auf Werbung reagiert, denn technisch wird die Werbung trotz Adblocker herunter geladen, so dass es prinzipiell keinen Unterschied macht, ob der Blocker an oder aus ist – er verhindert nur, dass ich Werbung sehe und diese (versehentlich) anklicke.

Natürlich verstehe ich, dass Sie durch Ihre Arbeit ein Einkommen generieren wollen, ja sogar müssen, um in einer Marktwirtschaft bestehen zu können. Vielleicht sollten Sie daher überlegen, sich für ein Bedingungsloses Grundeinkommen stark zu machen und darüber aufzuklären. Damit wäre aus meiner Sicht vielen geholfen:

*) weniger (inhaltliche) Abhängigkeit von Werbern;
*) mehr Zeit, sich auf das (inhaltliche) Angebot zu konzentrieren, statt sich um Werber zu bemühen;
*) mehr Aufmerksamkeit der Leser auf die (kostenlos) angebotenen Inhalte;
*) Kaufkraft der Grundeinkommensempfänger, um für die von Ihnen (kostenlos) angebotenen Inhalte vielleicht sogar freiwillig etwas zu bezahlen (z.B. via flattr)

All dies sollten Sie bedenken, statt mich zu bitten, meinen Adblocker wenigstens für Ihre Seite abzustellen. Sie geben dadurch zu, dass Sie von Werbeeinnahmen abhängig sind und damit keine Freiheit der Presse gewährleisten können.

Mit verärgerten Grüßen,

Jörg Drescher
Projekt Jovialismus

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Nachtrag: Das war eine abgesprochene Aktion einiger Medien

http://www.dradio.de/kulturnachrichten/201305131500/2

Piraten und ständige Mitgliederversammlung

Wieso machen die Piraten alles so kompliziert und wollen ihr Programm durch eine Ständige Mitgliederversammlung (SMV) aufblähen? Nur, weil ihnen die Medien vorwarfen, kein Programm zu haben? Das ginge prinzipiell viel einfacher, indem die SMV selbst zum Programm würde und damit sogar den Basisdemokratischen Anspruch der Partei entspräche: als Ideenmanagement/ Vorschlagswesen/ Kontinuierlicher Verbesserungsprozess…

Außerdem kann in Bezug auf Programm/ Wahlen hinzugefügt werden:
Es sollte klar sein, dass mit der Erststimme direkt Personen gewählt werden; und mit der Zweitstimme indirekt Personen, die von einer Partei auf Wahllisten aufgestellt wurden. Es werden also keine Inhalte irgendeiner Partei gewählt, sondern immer nur Personen, die (bestenfalls) die Inhalte einer Partei vertreten, wie sie vor der Wahl in Wahlprogramme gepackt wurden.

Zudem: Weder Bundeskanzler, noch Regierungsmitglieder müssen vom Volk gewählte Abgeordnete sein. Entsprechend wählt das Volk “Delegierte”, die den Bundeskanzler (im ersten Wahlgang auf Vorschlag des Bundespräsidenten) bestimmen; wobei der Bundeskanzler dann sein Kabinett ernennt.

Um was es danach bei dem ganzen Zirkus geht: Die Regierungsmitglieder verschwören sich dem Wohl des (dt.) Volkes, den Nutzen zu mehren und Schaden abzuwenden, sich ans Grundgesetz und die Gesetze zu halten, Gerechtigkeit zu üben und sich ihrem Gewissen zu verpflichten (wie das mit Europa in Einklang zu bringen ist, steht auf einem anderen Papier) und prinzipiell sollten sich die gesamten Debatten im Bundestag darum drehen, wie dieses Ziel zu erreichen ist. Doch meist drehen sich die Debatten um Parteiklientelinteressen, statt um gesamtgesellschaftliche.

Da es sich bei dem Eid um einen promissorischen (in die Zukunft) gerichteten dreht, ist eine Anzeige als Meineid nicht möglich. Daher kommt den Abgeordneten eigentlich die Aufgabe zu, zu hinterfragen, ob durch die Regierung die (im Eid versprochenen) Inhalte auch umgesetzt werden. JEDE politische Entscheidung müsste sich auf Basis der Eidesinhalte prüfen lassen (das Bundesverfassungsgericht prüft politische Entscheidungen auf GG-Konformität, nicht auf Wohl/Nutzen/Schaden). Die Abgeordneten sind dazu allein ihrem Gewissen verpflichtet, und nicht ihrer Partei oder deren Inhalte (Art. 38 (1) GG).

Fazit: Was heißt es dann, Piraten zu wählen? Was bedeutet dann eine Meldung: 10 Prozent für die Piraten (vor allem bei Umfragen vor Wahlen!)? Welchen Wert hat das Programm?

Eine soziale Alternative für Europa

Die kürzlich neu gegründete Partei „Alternative für Deutschland“ zeigt das Dilemma der Politik: Obwohl die Partei vorgibt, europafreundlich zu sein, nennt sie sich „Alternative für Deutschland“ – würde sie sich „Alternative für Europa“ nennen, bleibt fraglich, ob sie so großes Interesse bei Medien oder Wählern wecken könnte. Europa ist viel zu abstrakt und zu groß…

In vielen nationalen Verfassungen der Europäischen Staaten, die sich seit der Gründung der Europäischen Union kaum verändert haben, ist für die höchsten Amtsträger vorgesehen, sich an Eides statt den Interessen des Nationalstaats zu verpflichten. Es gibt keinen Eid auf Europa.

Dabei mag mancher an die Aussage von Adam Smith denken, dass, wenn jeder sein Eigeninteresse verfolgt, dies zum Wohl aller beiträgt. Dass sich Smith getäuscht haben könnte, wird in dem Film „A Beautiful Mind“ über den Spieltheoretiker John Nash zum Ausdruck gebracht, der einen Schlüssel des allgemeinen Wohlstands nicht allein in der Verfolgung von Eigeninteressen sah, sondern, wenn auch die gesamte Gruppe einen Vorteil davon hat.

Derzeit scheint Europa eine ähnliche Entwicklung zu durchlaufen, wie sie Deutschland  nach dem Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation durchlief. Ein Ergebnis: in manchen Landesverfassungen von heute findet sich keine eidliche Verpflichtungen, sich alleinig dem Wohl der Bürger eines einzelnen Bundeslandes zu verpflichten, sondern dem Wohl aller Deutschen.

Aber abgesehen davon: Angenommen, die Vorschläge der AfD würden tatsächlich umgesetzt, so bleiben doch die sozialen Probleme: Ob nun Hartz-IV-Empfänger in Deutschland ihr Geld in Euro überwiesen bekommen oder in einer anderen Währung, ob Bettler nach einem Euro oder nach einer anderen Währungseinheit fragen, ob Obdachlose unter Werbetafeln mit Produktpreisen in Euro oder sonstigen Währungsalternativen schlafen, dürfte diese Menschen kaum interessieren.

Dabei sind die Vorschläge der AfD, die sich vorrangig auf einen „geordneten Ausstieg aus dem Euro“ konzentrieren, nicht die einzige Option, die von Wirtschaftswissenschaftlern angeboten werden. So schlägt zum Beispiel Philippe van Parijs, leitender Professor des Hoover-Lehrstuhl für Ökonomie und Sozialethik an der Université catholique de Louvain in Belgien mit einer Gastprofessur für Philosophie an der Harvard-Universität, eine Euro-Dividende vor. Und tatsächlich: Seit Anfang 2013 können die Bürger der Europäischen Union eine Europäische Bürgerinitiative unterzeichnen (eine Art Petition auf Ebene der Europäischen Union), die, wenn sie die erforderliche Unterschriftenzahl erreicht, von der Europäischen Kommission geprüft werden muss und es zu einer Anhörung im Europäischen Parlament kommt.

Solange sich aber die Bürger von Europa als Franzosen, Spanier, Griechen, Deutsche usw. verstehen, statt als Europäer, wird es wohl immer wieder zu Krisen kommen. Und vielleicht verstehen wir uns eines Tages sogar als Weltbürger, was eine wirkliche Alternative für Europa darstellt.

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Der Artikel wurde bei “Die Zeit” als Leserbrief eingereicht, aber wie folgt abgelehnt:

Vielen Dank für Ihren Artikel. Ich möchte Ihnen vorschlagen, dass Sie ihn als Kommentar unter einem Artikel zum entsprechenden Thema einstellen. Eine Veröffentlichung als Leserartikel können wir Ihnen leider nicht anbieten.

Emile Durkheim zum kollektiven Gewissen

Bei Wikipedia im Artikel zu Emile Durkheim, was jeder mal für sich in Relation zu den Hartz-IV-Sanktionen setzen kann:
“Nach Durkheim ist der kollektive Zwang nicht direkt beobachtbar, aber in der negativen Sanktionierung von abweichenden, d. h. regelwidrigen Verhaltensweisen feststellbar und messbar. Wenn diese Abweichung in der Gesellschaft zur Regel wird, das kollektive Gewissen also nicht mehr in der Lage ist, für die Aufrechterhaltung der Ordnung zu sorgen, spricht man von „Anomie“. Dies bedeutet, dass die Gesellschaft vom „Normalzustand“ in einen „pathologischen“ Zustand übergegangen ist.”